Die Wiederaufer Stehung Der Mariah C.

Nach Flops und Zusammenbrüchen war Mariah Carey fast am Ende. Jetzt ist sie wieder da. Hier verrät die Pop-Diva ihre Überlebenstricks.

Woman (DE) Number 8, 2005. Text by Rainer Vogt.

“Die Rückkehr der Stimme,” trommelt Universal Music. Die Rückkehr der Diva? fragen sich die Journalisten im Berliner Adlon Hotel. Denn Madame, die mit ihrem neuen Album The Emancipation Of Mimi nach Katastrophenjahren wieder ganz nach oben will — schläft. Und offenbar darf niemand sie wecken. Ist die Frau wirklich so zickig, wie ihr immer nachgesagt wird? woman durfte als Erste ins abgedunkelte Zimmer, um mit Mariah Carey zu sprechen. Mit tief dekolletiertem Strickpulli, flatterndem Minirock und hohen Stiefeletten — alles in Türkis und Sandfarben — taucht die 35-Jährige auf, entschuldigt sich charmant für die Verspätung und legt sich mit Kissen unterm Kopf aufs Sofa…

Sie wirken sehr entspannt. Oder sind Sie einfach nur müde?
Mir geht es zurzeit wirklich sehr gut. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten, aber wenn ich länger schlafe, dann nur, weil ich diese zusätzlichen 15 Minuten Schlaf brauche, um mich zu erholen. Ich muss auf mich aufpassen. Das ist etwas, was ich in den letzten Jahren gelernt habe.

Durch Ihren Zusammenbruch?
Ganz bestimmt! Ich musste lernen, langsamer zu machen, das Leben zu genießen und Verbindung zu meiner Spiritualität aufzubauen. Es war wirklich ein Segen, dass Gott so viel vor mir aufgetürmt hat, dass ich damit nicht mehr klarkam, denn dadurch bekam ich ein frühes Warnsignal: Mariah, du kannst so nicht weitermachen, sonst liegst du irgendwann unter der Erde.

Was genau hat Gott denn aufgetürmt?
Mein Problem war, dass ich den Kontakt zu mir verloren hatte. Als meine Karriere begann, war ich sehr jung, hinzu kamen der Druck, die Kämpfe mit den Plattenfirmen und die übrigen Dramen — das hätte niemand länger ausgehalten.

Hat Ihnen damals jemand Halt gegeben?
Ich selbst! Ich musste allein herausfinden, was ich denke und was ich will — und dafür brauchte ich Zeit.

Gibt es denn niemanden, mit dem Sie in einer solchen Situation reden können?
Doch. Der Pastor meiner Kirchengemeinde ist ein sehr wichtiger Mensch für mich. Er ist nicht so ein langweiliger Typ, wie man sich vielleicht einen Pastor vorstellt, er ist cool. Ihn kannst du nachts um drei Uhr anrufen — auch wenn du nur reden willst. Er ist mehr als nur ein guter Ratgeber: Schon seine Ausstrahlung und sein Geist helfen mir weiter.

Wie entscheidend war Ihre Therapie für die Krisenbewältigung?
Es ist großartig, wenn du bei einer Therapie auf jemanden triffst, zu dem du eine Verbindung aufbauen kannst. Und der Moment, der mich dazu gebracht hat, anzuhalten und die Augen zu öff-nen, war ein Geschenk. Ich bin ja nicht verrückt geworden oder so was!

Haben Sie sich vorgenommen, in Zukunft alles anders zu machen?
Während wir das neue Album produzierten, gab es für mich nur eine Regel: e Mach dir eine gute Zeit! Mit vielen fröhlichen, ausgelassenen Songs. Ich bin eigentlich ein sehr optimistischer Mensch, doch ich musste mir erst mal klar machen, dass ich nicht alles so ernst nehmen darf.

Und wie rettet man diesen Optimismus über schwierige Lebenssituationen?
Ich denke in solchen Momenten an Gott und danke ihm. Das ist aber nur mein Weg. Anderen Menschen kann ich höchstens raten: Auch wenn es deine schlimmste Zeit ist, so könnte es noch schlimmer sein. Egal was du gerade durchmachst, du wirst es schaffen! Und wenn du die dunkelsten Momente deines Lebens hinter dir gelassen hast, dann warten auf dich Hoffnung und Licht.

Und diesem Licht vertrauen Sie?
Es hat mich durch mein ganzes Leben geführt. Leute schauen auf das Jahr 2001 und sagen: Mein Gott, was bei ihr alles schief gelaufen ist! In meinem Leben gab es immer Kämpfe, die ich bestehen musste — der Kollaps war nur einer.

Muss denn immer erst eine Katastrophe kommen, bevor alles besser wird?
Für mich musste es wohl so sein. Ich hatte niemanden in meinem Leben, der gesagt hätte: Oh, du solltest mehr auf dich achten. Schon als Kind war ich immer diejenige, die sich um alle kümmern musste. Dadurch hatte ich aufgehört, mich um mich selbst zu kümmern. Die Karriere hatte oberste Priorität, und das hat mir alles vermasselt.

Was hat sich seither geändert?
Dass meine Mitarbeiter mir nun genügend Pausen ermöglichen — zum Beispiel vor den Interviews. (lacht)

Mimi ist Ihr Spitzname. Haben Sie Ihr Album The Emancipation Of Mimi genannt, weil Sie sich von etwas befreien wollten?
Nein, überhaupt nicht. Meinen Spitznamen sehe ich ganz losgelöst von dem Image “Mariah Carey.” Mimi ist eine persönliche Seite. Sehr fröhlich und temperamentvoll. Und dieser Seite wollte ich in den neuen Songs eben freien Lauf lassen.