Mariah steht unter Strom. Es ist ein Uhr morgens — Mittag also im Careyschen Kosmos —, und der Spannungsmesser ist im roten Bereich. (Wobei es verschiedene Arten von Strom gibt: Reise-Strom, Gefühls-Strom und, wie in diesem Moment, Arbeits-Strom.) Mariah ist in Miami, und obwohl der Tag bereits in Argentinien begann, macht sie sich nun hoch konzentriert an die Arbeit, um ein TV-Special abzunehmen, das in einer High-School auf Long Island, ihrer früheren Heimat, aufgezeichnet wurde. “Nach den Morden an der Columbine High-School,” so Carey, “wollte ich einfach ein positives Signal setzen. Ich träume dann und wann noch immer von meinen High-School-Jahren — insofern konnte ich gut nachvollziehen, was in den Köpfen dieser Schüler vorging.”
Nach Miami steht Venezuela auf dem Programm, wo sie mit Latino-Superstar Luis Miguel, ihrem derzeitigen Lover, ein paar Tage Urlaub verbringen wird; weiter geht's nach Los Angeles zu einer Fotosession, dann nach Las Vegas, wo sie den Billboard-Award “Artist of the Decade” entgegennehmen wird, und gleich weiter nach Mexiko, wo sie noch ihr jüngstes Album Rainbow promoten muss.
In diesem Augenblick allerdings — ungeschminkt, die Haare zurückgekämmt, die “Prada”-bewandeten Beine mit den grellroten Stöckelschuhen auf dem Schreibtisch &m,dash; wirkt sie eher wie eine neunjährige Göre, die den mütterlichen Kleiderschrank durchstöbert — und dabei obendrein die Urkunde über eine immense Erbschaft gefunden hat.
Nein, in den Schoß fielen ihr die Goldtaler ganz gewiss nicht. Im Gegenteil: Ihre geschiedene Mutter, eine ehemalige Opernsängerin und Gesangslehrerin, nahm zeitweise drei verschiedene Jobs an, um ihre Familie durchzufüttern. Für Sony, ihre Plattenfirma, allerdings erwies sich die nun 29-jährige Carey als veritabler Goldesel: Seit Beginn der 90er Jahre hat sie in den USA mindestens einen Nummer-1-Hit jährlich abgeliefert — ein Kunststück, das in der Popgeschichte noch nie regstriert wurde. Nach Elvis und den Beatles rangiert sie bereits auf Platz 3 der ewigen Top-1-Bestenliste. Sie hat weltweit 105 Millionen Schallplatten verkauft — und sie hat all das geschafft, ohne auf ihren schwindelerregend hohen Stilettos auch nur einmal ins Straucheln zu kommen.
In ihrem Video zu “Heartbreaker,” der letzten Single, trägt sogar “Bianca,” Mariahs so gänzlich andersartiges Alter Ego, nämliches Schuhwerk. Gefragt, was es mit diesem unappetitlichen Charakter auf sich habe, muss Mariah nicht lange grübeln: “Es fing damit an, dass ich einen Charakter spielen sollte, der ganz anders ist als ich — dieses eitle, hohle, hochnäsige Wesen, das nur sich selbst liebt und ihren Hund in der Tasche mit sich herumträgt. Dass Bianca einen englischen Akzent hat, ergab sich dadurch, dass ich auf einem Flug eine Stewardess kennenlernte, die genau diese eigenartige Sprechweise hatte. Ich habe mich so lange mit ihr unterhalten, bis ich ihren Dialekt draufhatte.
Ich liebe es, andere Leute nachzumachen; ich spiel dir jede Person, die du willst. Ich spiel dir mal Addie, meine Großmutter. Als ich ein Baby mit blonden Haaren war, sagte sie — im tiefsten Südstaaten-Dialekt — zu meinem Vater: ‘Roy, that ain't your baby. Girl, let me see you dance!’ Weil mein Vater nicht die Bohne tanzen konnte, glaubte sie doch tatsächlich, dass sie auf diese Weise nachweisen konnte, ob ich nun seine Tochter war oder nicht. Wie dem auch sei: Addie ist eine nie versiegende Quelle mimischer Inspiration — und auch Bianca wird so schnell nicht sterben. Sie ist die Anti-Mariah. Ich glaube, sie steht nur auf Techno-Musik. Sie hat eindeutig Probleme.”
Den überwiegenden Teil von Rainbow spielte Carey auf Capri (!) ein — was sich, angesichts der Tatsache, dass auf der felsigen Insel die Fortbewegung per pedes Trumpf ist — als echte Herausforderung für ihr Schuhwerk entpuppte. “Ich musste jeden Tag den Hügel zum Studio raufkraxeln — bis ich die Eingebung hatte, lieber gleich im Studio zu übernachten. Es war nicht gerade die hyperluxuriöse Suite, sondern ein bescheidenes kleines Zimmer. Was mir aber völlig recht war: Ich muss nicht unbedingt eine Suite haben. Dieses Zimmer aber war der Härtefall, weil es von Moskitos nur so wimmelte und obendrein auch nicht gerade hygienisch war. Also stand ich in aller Herrgottsfrühe auf und stellte mich hinters Mikro; und um zumindest etwas vom Sommer mitzubekommen, fuhr ich manchmal mit dem Boot zur Blauen Grotte. Einmal schlief ich im Boot ein und wachte genau vor dem Felsen der Sirenen wieder auf — dort, wo sie sitzen und die Männer ins Verderben locken. Man schob sie auf diesen Felsen ab, weil Frauen früher in Italien als zweitklassige Menschen galten. Und sie rächten sich, indem sie die Männer sexuell anmachten und zu diesem Felsen lockten.”
Ein Emanzipationsdefizit kann man Carey sicher nicht attestieren. Zu behaupten, sie habe ihre Karriere unter Kontrolle, ist eher noch untertrieben. Sie mag etwas durchgeknallt wirken (kann passieren, wenn man ständig unter Strom steht), aber man ist schlecht beraten, ihre Aufgedrehtheit als Mangel an Intelligenz oder Entschlossenheit auszulegen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist mit sich und der Welt zufrieden, sie hat das Steuer in der Hand — und sie ist zufrieden, weil sie das Steuer in der Hand hat. Ihre Scheidung vom obersten Sony-Music-Boss Tommy Mottola (der ihr vor zehn Jahren einen Vertrag gab, nachdem sie ihm auf einer Party ein Demo in die Hand gedrückt hatte) hatte eine offenkundig befreiende Wirkung. Die Ehe war nicht gerade das, was man harmonisch nennt, und auch wenn beide Parteien heute beteuern, ihre derzeitige Beziehung sei freundschaftlich, ist die emotionale Erleichterung greifbar. (Mariahs Freundinnen pflegten den gemeinsamen Prunkpalast in Bedford Hills/New York doppeldeutig “Sing Sing” zu nennen, weil der Druck, gefälligst neue Platten zu machen — “sing! sing!” — hier geradezu in Stein gemeißelt war.) Sinnigerweise ist nun, seit der Druck weg ist, das natürliche Bedürfnis zu “Sing! Sing!” erheblich gewachsen.
Was auch immer die Motive sein mögen: Diese Diva ist ein Arbeitstier. “Mariah,” so ihr Video-Regisseur Brett Ratner, “kann ein kleiner Feldwebel sein — und gleichzeitig ein kleines Kind. Wenn du mit ihr zusammen bist, wirst du unwillkürlich in ihren Kosmos aufgesogen. Es ist wie: ‘Spring auf und schnall dich gut an!’ Und gleichzeitig ist sie verdammt smart. Sie kümmert sich um einfach alles — vom Songschreiben bis zum Produzieren. Außenstehende mögen vielleicht meinen, sie schreibe diese Songs nur, um möglichst viele Platten zu verkaufen. Nein, nein — diese Songs sind sie!”
Seit der Veröffentlichung von Rainbow steht Carey unter PR-Strom. Auf vier Kontinenten hat sie so viele Hände geschüttelt, wie es ein 20-stündiger Tag erlaubt. “Manchmal verliere ich echt die Orientierung, weil ich praktisch jeden Tag in einer neuen Stadt aufwache — fünf Monate lang. Von Capri ging's nach New York… nein, warte. Ich flog nach Teneriffa, weil mein Freund Luis dort ein Konzert gab. Zusammen sind wir noch mal zurück nach Capri und haben die Insel auf den Kopf gestellt. Dann New York, nein, erst Los Angeles, wo wir das Video gedreht haben. Ich habe alle Stunts selbst gemacht, aber die Frau, gegen die ich im Video kämpfen muss, hat richtig zugelangt. Ich hatte Prellungen von Kopf bis Fuß. Ich lag im Bett und konnte mich nicht rühren. Luis war sofort zur Stelle und pflegte mich rührend.
Dann ging's nach Europa, danach… Asien, glaub ich. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zwischendurch mal zu Hause war. Doch, ich kam zurück und bin dann mit den Gewinnern eines Wettbewerbs wieder nach Europa geflogen. Man hatte mir gesagt, dass man eigens ein Charterflugzeug in Regenfarben anpinseln würde, aber als ich's dann sah, war ich doch etwas enttäuscht: Sie hatten einfach ein paar Rainbow-Sticker auf das Flugzeug gepappt. Trotzdem — den Kontakt zu Fans liebe ich; sie geben dir ein Feedback, das du sonst nirgends bekommst. Dann ging es zurück nach Chicago, dann Hongkong, kreuz und quer durch Asien, danach das Gleiche in Südamerika — und jetzt bin ich wieder hier.”
Mariah und Luis hatten sich vor einem Jahr in Aspen kennengelernt; beide verbrachten Weihnachten dort, und die Makler, die ihnen ihre jeweiligen Ferienhäuser vermietet hatten, lockten sie zu einem Blind Date: Mariahs Makler erzählte ihr, Luis wolle sie kennenlernen, Luis' Makler erzählte ihm, Mariah wolle ihn kennenlernen. Und obwohl über Mariahs Liebesleben in den einschlägigen Gazetten oft und gern spekuliert wird, ist über diese Beziehung relativ wenig an die Öffentlichkeit gedrungen.
Karotten knabbernd sitzt sie auf der Terrasse des Tonstudios in Miami, wo die Gesangsspuren für das Fernseh-Special gemixt werden. Am Handgelenk baumeln bunte Armbänder aus Halbedelsteinen (in Regenbogenfarben!), zusammen mit einem exquisiten Diamant-Armband, das sie von Miguel zum letzten Valentinstag bekam. “Am Anfang wusste ich halt nicht, ob es von Dauer sein würde,” erzählt sie. “Ich war einfach in meiner ‘Whoa!’-Partyphase. Und wie auf Ecstasy — ich machte aus jeder Maus einen Elefanten. Früher sah ich immer alles aus der Perspektive der Außenseiterin, hatte aber schon als kleines Mädchen die fixe Idee: Irgendwann treffe ich einen Mann, einen Latino, der aussieht wie ich und ein Leben führt wie ich. Einen, der mich komplettiert — weil ich mir immer so zusammengewürfelt vorkam. Wie eine Gemischte Platte.
Aber so funktioniert das in Wirklichkeit nicht — man muss jemanden finden, der emotional zu einem passt. Und Luis passt. Allein schon deswegen, weil er auch Musiker ist; das bringt eine ganz neue Dynamik mit sich. Als wir die ersten Male zusammen ausgingen und noch niemand davon wusste, konnte ich mit ihm irgendwo erscheinen — und die Leute sahen ihn an, nicht mich. Und ich konntezum ersten Mal aus nächster Nähe erleben, wie ein Anderer darauf reagiert. Die Leute erkennen in sofort und drehen durch, und das ist so cool. Ich werd laufend gefragt, ob nicht irgendeine Art von Konkurrenz zwischen uns beiden besteht — nichts könnte uns ferner liegen.”
Mariah breitet ihr Privatleben nicht gerade bereitwillig in der Öffentlichkeit aus. Andererseits kann sie schlecht nein sagen, wenn man sie um einen Gefallen bittet, und so ruft sie einige lage später vom Auto aus an. Sie ist auf dem Weg zu einer Pressekonferenz, wird gerade geschminkt, erstattet zunächst Bericht von der Verleihung der “Billboard Awards,” um schließlich bei einer Miguel-Anekdote zu landen, die letztlich wohl der eigentliche Grund des Anrufs ist. “Nach der Billboard-Veranstaltung gingen wir in ein Restaurant, und da war eine Frau, deren Boyfriend Geburtstag hatte. Sie fragte mich, ob ich wohl ‘Happy Birthday’ für ihn singen würde. Weil sie ihm vorsprochen hatte, es würde bestimmt ein Abend voller Überraschungen werden. Mehrere Male kam sie zu mir und sagte: ‘Ich geb Ihnen 100 Dollar, wenn Sie singen, ich geb Ihnen 100 Dollar!’ Und ich sagte: ‘Nein, lassen Sie mal, das ist schon okay.’ Sie griff in ihre Tasche und zog das Geld raus, und ich sagte noch mal: ‘Nein, das ist okay! Behalten Sie Ihr Geld!’ Mit meiner Freundin Trey habe ich dann ‘Happy Birthday’ gesungen. Herrlich, oder? Ich fand's jedenfalls ziemlich lustig — wenn man gerade zur Künstlerin des Jahrzehnts gewählt wurde, und dann 100 Dollar geboten bekommt, um ‘Happy Birthday’ zu singen.
Also, zum einen hatte ich einen tollen Abend. Ich war richtig stolz, ich fühlte mich total gut bei der ganzen Sache. Und dann schickte mir Luis auch noch Blumen ins Hotel — und das war total süß, weil er nämlich eigentlich zehn Dutzend Rosen hatte schicken wollen, aber in ganz Vegas gab's nur sieben Dutzend. Deshalb steckte bei den Rosen ein Zettel des Floristen, der sich entschuldigte und schrieb: Er wollte Ihnen zehn Dutzend schicken, aber zumindest hat er die Rosen in ganz Vegas abgeräumt. Ist das nicht supersüß?”
Obwohl Mariah im Lauf der letzten zehn Jahre 105 Millionen Platten verkauft hat, obwohl sie sich kürzlich ein Apartment in Manhattan zulegte (seit dem Ende ihrer Ehe waren's immer nur Hotels), besitzt sie nur ein einziges Möbelstück: den weißen Stutzflügel, der einst der Mutter von Marilyn Monroe gehörte. Im letzten Herbst ersteigerte sie das Instrument für 662,500 $ bei einer Auktion. “Mein Finanzberater war entsetzt. Genaugenommen besitze ich übrigens noch einen Stuhl — den hab ich von meiner Managerin Louise McNally bekommen, weil sie es so deprimierend fand, dass ich gar keine Möbel hatte. Er ist weiß und golden, von 1801 oder so. Sie hat ihn mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt.
Jedenfalls — Marylin liebte ich schon als kleines Mädchen. Ich kam mal dazu, als meine Mutter eine Dokumentation über sie anschaute, und irgendwas an ihr zog mich an. Den Rest der Welt faszinierte sie ja auch, insofern ist das nicht Besonderes, aber ich verschlang alle möglichen Bücher über sie — vielleicht nicht die richtige Lektüre für eine Achtjährige. Aber so erfuhr ich viel über ihr Leben. Das Piano gehörte Gladys. Und da sie in einer Anstalt endete und das für Marylin ein emotional heikles Thema war und ihr Vater sie nie anerkannte und sie keine Kinder hatte, obwohl sie's immer wieder versuchte, und sie keine Familie hat, die über ihren Nachlass wachen kann… Ich meine, wie fändest du das, wenn dein Besitz willkürlich versteigert wird — an Leute, die du überhaupt nicht kennst? Marilyn ist eine amerikanische Ikone, sie hätte eigentlich ihr eigenes, ‘Graceland’ verdient.
Jedenfalls, was ich sagen will: Das Klavier gehörte ihrer Mutter. Aber nachdem ihre Mutter weg war, kam ihr irgendwie auch das Klavier abhanden, und sie setzte alle Hebel in Bewegung, um es wieder zu finden. Sie hing wirklich dran, und da sie nicht vile Dinge hatte, die von ihrer Familie stammten, wollte ich, dass das Piano bei jemandem landet, dem es was bedeutet. Ich möchte es behalten, aber ich werde auch dafür sorgen, dass es in ein Museum kommt, falls mir was zustößt. Oder vielleicht geb ich's schon vorher in ein Museum, ich weiß noch nicht — ich muss erst sehen, was für eine Austrahlung es hat. Es ist schon bewegend. Marilyn ist von so vielen Leuten ausgenutzt worden. Und drum bin ich froh, dass ich den Flügel bekommen hab und nicht irgendwer. Weil er ihr viel bedeutete.
Irgendwie schließt sich da auch ein Kreis — dass ich als kleines Mädchen Bücher über sie gelesen hab und mir nun so was leisten kann. Dass ich so viel Geld dafür bezahlt hab, ist vermutlich bescheuert, aber dafür hab ich ja sonst nichts. Ja, letztlich bin ich wirklich glücklich darüber.”